Als Digital Native im heutigen Rechtsmarkt

Eine andere Sichtweise zur Digitalisierung im Rechtsmarkt – Gedanken einer angehenden Anwältin im digitalen Umbruch

Wohin man blickt, wird verbreitet, dass sich der Rechtsmarkt tiefgreifenden Änderungen gegenübersieht und es den heutigen Anwalt im klassischen Sinne schon bald nicht mehr gibt. Während die Anwältin Lösungsvorschläge auf der Basis eingehender Klientengespräche und umfassender Literaturrecherche erarbeitet, generiert eine Software Handlungsoptionen, indem sie den Kunden durch Entscheidungsbäume führt und grosse Datenmengen auf Handlungsmuster hin untersucht. LegalTech Start-ups schiessen wie Pilze aus dem Boden und belegen vermehrt die Büroräume ihrer Investoren. Artificial Intelligence (AI), Machine Learning, E-Billing, Chatbots, Blockchain oder Smart Contracts[1] werden auch unter Juristen zu Alltagsbegriffen. Der Druck erhöht sich und man bekommt zu spüren, dass starke Veränderungen bereits angerollt sind. Doch wie springt man auf den fahrenden Zug auf? Sollen Juristen nun eine Programmiersprache lernen? Und wie kann man sich als neue Generation im heutigen Rechtsmarkt erfolgreich und nachhaltig positionieren?

Digitalisierung ist kein neuer Trend, und mit meinen 25 Jahren kann ich mich gerade noch zu den sogenannten «Digital Natives» zählen. Als «Digital Native» ist man grundsätzlich in der Lage, die alltäglich notwendigen Funktionen computergestützter Geräte zu bedienen. Dennoch, programmieren kann ich als Juristin nicht und wohl auch die wenigsten meiner Kollegen. Wir sitzen zwischen Stuhl und Bank und wissen nicht, wie sich unsere Karriere entwickeln wird.

Executive School Studiengang:
Law & Management

Management for the Legal Profession

Betriebswirtschaftliche Kompetenzen für Juristinnen und Juristen mit Anschluss zum EMBA

Angehende Anwälte stehen der Digitalisierung meistens offen bis euphorisch gegenüber, dies im Gegensatz zu manchen erfahreneren Anwälten, insbesondere Senior Partnern in renommierten Kanzleien. Was Programmierer in naher und ferner Zukunft alles ermöglichen werden, können wir uns nur vorstellen. Bereits heute werden unsere Daten getrackt, connected, gemerged und sortiert. Wir dachten, wir sähen auf Google Maps nur schnell nach, wo die Reise hingeht. Doch wenn ich diese App das nächste Mal verwende, weiss diese bereits, wo ich wohne, weil ich häufig dort bin; in welchem Hotel ich übernachte, weil ich eine Hotelbestätigung per Mail erhielt; wo ich gestern getafelt habe, weil ich die Tischreservation online tätigte, und wann ich morgens zur Arbeit gehe, weil ich mein Ticket im SBB App kaufe. So erschreckend das für manchen klingen mag – das ist die Zukunft, in welcher wir uns Big Data zu Nutze machen können.

Obwohl einige insbesondere repetitive Arbeitsschritte – wie zum Beispiel die Aktenaufbereitung für eine Due Diligence – auch im Rechtsmarkt früher oder später automatisiert werden, gehe ich nicht von einem Rückgang der nachgefragten Anwaltstätigkeit aus. Neben neuen rechtlichen Fragestellungen in Bezug auf den Umgang mit AI oder Robotern werden sich vermutlich weitere Rechtsfragen stellen, von denen wir heute noch gar nichts wissen. Ist beispielsweise ein Programmierer haftbar für die von ihm entwickelte AI, wenn diese missbräuchlich eingesetzt wird? Des Weiteren wird es nötig, dass Juristen und Anwälte, insbesondere jene der Generation Y, als richtungsweisende Intermediäre agieren. Unser Ziel sollte es sein, unsere Bedürfnisse und diejenigen unserer Kunden den IT-Spezialisten näher zu bringen sowie moderne Technologien nutzenstiftend anzuwenden. Dafür ist es unerlässlich, sich mit dieser noch wenig bekannten Sprache und deren Fähigkeiten vertraut zu machen, wie dies Anwälte bereits heute im ökonomischen Kontext zu tun verstehen. Keineswegs meine ich damit, dass wir nun nach dem Master in Law (oder Law and Economics) noch ein Informatikstudium anhängen müssen, um erfolgreich zu praktizieren.

Aber so, wie es heute schon von Vorteil ist, wenn ein Anwalt weiss, welche Bedeutung Unternehmenskennzahlen haben, wie man eine Bilanz liest und was eine SWOT-Analyse ist, wird es künftig immer wichtiger sein, auch zu wissen, welche Programmier- bzw. Skriptsprache sich wozu eignet, was ein Quelltext ist oder wie sich bei einer Website das Front- zum Backend verhält.

Mein Aufruf gilt daher in erster Linie den jungen Juristen und Anwälten: Interessiert euch für Information Technology, traut euch und bildet euch diesbezüglich weiter – auch wenn euch Java Skript o.Ä. noch kein geläufiger Begriff ist! Ferner ist dies ein Denkanstoss an klassisch arbeitende Anwälte der sogenannten «alten Schule» und die heutigen Entscheidungs­träger: Ebnen Sie den Ideen der Nachfolgegeneration und der Verwendung digitaler Technologie den Weg! Sehen Sie diese nicht als Bedrohung, sondern betrachten Sie sie vielmehr als Unterstützung und möglichen Marktvorteil! Der digitale Wandel kann im Rechtsmarkt Türen öffnen. Kunden verändern ihre Bedürfnisse, Anforderungen und Arbeitsweisen. Und die neuen Kundenbedürfnisse werden nicht mehr nur von Anwaltskanzleien im engeren Sinne, sondern auch von alternativen Rechtsdienstleistern bedient, womit u.a. der «More for less»[2] Trend effizient adressiert werden kann. Die Anpassung der klassischen Anwaltskanzleien an die Arbeitsweise ihrer Kunden ist damit nicht nur eine Option, sondern wird zwingend erforderlich, um auf den bereits angefahrenen Zug der sich laufend fortentwickelnden Digitalisierung aufzuspringen. Und ich freue mich, als angehende Anwältin bei dieser spannenden Reise mit dabei zu sein.

[1] Staub, Leo: Die digitale Anwaltskanzlei. In: ZFO 06/2017, S. 344 ff.

[2] Vgl. u.a. Staub, Leo: Anwaltsmarkt im Umbruch. Anwaltsmarkt: Im Umbruch. In: Legal Tribune Online (LTO), vom 08.09.2017, abrufbar unter: https://www.lto.de/persistent/a_id/24393/ (abgerufen am: 06.12.2017).