Bargeldlose Zahlungssysteme: Open Air-Besucher geben mehr Geld aus

Mittlerweile setzen die meisten Musikfestivals in der Schweiz auf bargeldlose, geschlossene Zahlungssysteme. Festivalbetreiber profitieren dabei finanziell in mehrfacher Hinsicht. Die Besucher fordern den Restbetrag vielfach nicht zurück und geben gleichzeitig mehr aus.

Gemäss NZZ am Sonntag werden 1 bis 1,5% der Guthaben von Besuchern an Schweizer Festivals, welche das bargeldlose Prepaidsystem mit Chip kennen, innerhalb von zwei Jahren nicht zurückgefordert. Vielfach sind die Restbeträge klein und der Rückerstattungsprozess zu aufwändig. Das bargeldlose Zahlungssystem an Festivals hat zusätzlich das Konsumverhalten verändert. Beispielsweise sind am Open Air St. Gallen die Umsätze seit der Einführung des Cashless-Systems im 2013 gestiegen. Mittlerweile gibt ein Festivalbesucher in St. Gallen durchschnittlich rund 126 Franken aus. Was sind mögliche Gründe für die Mehrausgaben verglichen zu früher, als nur Bargeldzahlungen möglich waren?

Aufgrund bargeldloser Zahlungsmittel geben die Menschen mehr aus und ihre Zahlungsbereitschaft steigt, wie die aktuelle Forschung verdeutlicht. Ein Experiment zeigt, dass Personen, die mit Kreditkarte zahlen, gewillt sind doppelt so viel zu bezahlen wie Personen, die bar zahlen. Allgemein steigen die Konsumausgaben, je intransparenter die Zahlung, je tiefer der «Schmerz des Bezahlens» und je weniger offensichtlich die Verknüpfung der Zahlung mit dem Konsum ist. Bargeldlose Zahlungsmittel verändern das Konsumverhalten auch dahingehend, dass Personen vermehrt impulsive Kaufentscheide treffen, eher ungesunde Lebensmittel und eher langlebige Produkte kaufen (verglichen mit der Bargeldzahlung).

Der Chip am Arm ist zusammen mit kreditbasierten «mobile payments» diejenige Zahlungsmöglichkeit unter den gängigsten Zahlungsmitteln beziehungsweise -formen, welche die Ausgaben am meisten begünstigt. Sein Zahlungsvorgang ist intransparent, weil er den Zahlungsbetrag nicht physisch überträgt, das heisst der «Schmerz des Bezahlens» ist tief. Die Kontroll- und Budgetfunktion ist verglichen mit Bargeld mangelhaft. Damit sinkt spezifisch auch für Verkäufer an Festivals die Hemmschwelle, einen zu hohen Preis für ihr Angebot zu verrechnen.

Weil Guthaben vorgängig auf den Chip geladen werden muss (prepaid), wird der Konsum räumlich und zeitlich stark von der Zahlung getrennt. Zusätzlich können die Besucher die korrekte Höhe ihres zukünftigen Konsums nicht richtig antizipieren. Dies führt vielfach zu einem Überkonsum beziehungsweise zu einem oder mehrmaligen Aufladen von übermässigem Guthaben. Mit anderen Worten ist es fast unmöglich, den (verhaltens)ökonomisch richtigen Betrag auf den Chip zu laden.

Die Prepaidfunktion führt weiter dazu, dass – verglichen mit einer «pay-as-you-go»-Funktion – die Konsumenten jedoch grössere Freude am späteren Konsum haben. Für viele ist der Betrag bereits abgeschrieben, weshalb sie unbewusst ihren zukünftigen Konsum als kostenlos wahrnehmen (ähnlich einem Menü à discrétion) und der «Schmerz des Bezahlens» daher minimal ist.

Zusätzlich begünstigt die kontaktlose Bezahlfunktion des Chips das Konsumverhalten. Sie ermöglicht einen schnellen, unkomplizierten und praktischen Bezahlvorgang, wodurch Warteschlangen minimiert und Ausgaben begünstigt werden.

Die Festivalveranstalter profitieren durch die Einführung von «Cashless»-Systemen also finanziell nicht nur von zurückgelassenen Restbeträgen, sondern hauptsächlich auch durch Mehrausgaben der Konsumenten.

Das bargeldlose, in sich geschlossene Chipsystem ist aber auch aus weiteren Gründen für die Veranstalter vorteilhaft: Erstens sind sie betriebswirtschaftlich liquider, weil das Guthaben vorgängig eingezahlt werden muss. Zweitens sinkt das finanzielle Risiko für die Veranstalter und Standbetreiber, denn Bargeld kann immer wieder mal «verschwinden» (z.B. durch falsche Abrechnung, Betrug, Diebstahl, Verlust etc.). Viertens werden die Kosten des Veranstalters minimiert, die im Zusammenhang mit dem Bargeldhandling anfallen, insbesondere Transaktionskosten hinsichtlich Umtausch, Lagerung, Transport, Versicherung, Wechselgeld und Abrechnung. Fünftens können die Veranstalter und Standbetreiber durch eine detaillierte Datenauswertung der Konsumgewohnheiten ihre Bestellmengen, Lieferketten und Personalplanung optimieren. Auch andere Mehrwerte mithilfe der genauen Konsumdaten sind denkbar.

Zusammenfassend überwiegen die Vorteile des bargeldlosen Chipsystems für die Veranstalter. Trotzdem haben einige Festivals von Bargeldlos- wieder auf Bargeldzahlungen umgestellt, weil es einem Kundenbedürfnis entspricht. Diesbezüglich wäre wünschenswert, wenn auch Debit-, Kredit- und mobile Bezahlmöglichkeiten anwendbar sind.

Mehr zum Zahlungsverhalten der Schweizer Bevölkerung im Swiss Payment Monitor 2019.

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Über die Autorin / den Autor
Dr. Tobias Trütsch Tobias Trütsch leitet den Bereich Economics an der Executive School der Universität St.Gallen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Zahlungs- und Geldökonomie, insbesondere mit Fokus auf innovative Zahlungsmittel und individuelles Zahlungsverhalten.