4. Juni 2018

Beschleunigt die Digitalisierung den Strukturwandel im Schweizer Rechtsmarkt?

Die Digitalisierung wirkt sich sehr ungleichmässig auf den Schweizer Rechtsmarkt aus – und anders als man es auf den ersten Blick erwarten würde.

Die Dienstleistungen der Schweizer Behörden, und insbesondere der digitale Austausch rechtsverbindlicher Dokumente, wird massgeblich durch das Schneckentempo der Akzeptanz digitaler Unterschriften und elektronischer Gerichtsvorlagen behindert. Der öffentliche Sektor unseres Landes mit seinen föderalistischen Traditionen und dem entsprechenden Aufbau liegt bei der Digitalisierung von Dienstleistungen im Rechtsverkehr mindestens ein Jahrzehnt hinter den führenden EU Staaten, fast allen angelsächsischen Ländern und den „asiatischen Tigern“ zurück. Das trifft u.a. Notariatsdienste, Gerichtssysteme, Regierungsformulare sowie Arbeitsabläufe zur Einreichung von geschäftsrelevanten Informationen auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene zu. Die meisten dieser Transaktionen erfolgen noch immer auf Papier, werden von Hand ausgefertigt und handsigniert, und dann mit normaler Post (nicht per E-Mail!) übermittelt. Sie werden bestenfalls pseudodigitalisiert, d.h. eingescannt, oder es wird doppelter Aufwand betrieben, weil sie zur Unterstützung des Papierflusses parallel auch noch in elektronischen Systemen erfasst werden.

Gleichzeitig halten sich Anwaltskanzleien bei der Nutzung von cloudbasierten Technologien zurück. Es herrscht Unsicherheit darüber, ob und welche Informationen in der Cloud manipuliert und gespeichert werden können und dürfen, ohne das Anwaltsgeheimnis zu gefährden. Dies ist ein bedeutendes Zugangsproblem in einer Zeit, in der viele wichtige Technologien als interne Lösungen gar nicht mehr verfügbar sind, sondern nur noch über die Cloud. Anwaltskanzleien sind diesbezüglich ambivalent. Einige Kanzleien hoffen insgeheim, dass sie dadurch vor ausländischem oder multidisziplinärem Wettbewerb geschützt werden. Andere, vor allem grössere Kanzleien, sind der Ansicht, dass sie mittlere und kleinere Kanzleien ausstechen können, indem sie als einzige die immer teurer werdenden, intern eingesetzten IT-Systeme anbieten können. Aber, keine der beiden Strategien scheint verlässlich in einer Welt, in der die Öffentlichkeit die Regierung dazu drängt, die Regulierungen über die Cloud und gewisse Berufsprivilegien zu liberalisieren.

Executive School Studiengang:
Law & Management

Management for the Legal Profession

Betriebswirtschaftliche Kompetenzen für Juristinnen und Juristen mit Anschluss zum EMBA

Unternehmensinterne Rechtsabteilungen sind vom Anwaltsgeheimnis, welches die Anwaltskanzleien zurückhält, nicht betroffen, zumindest nicht so lange, als ihnen dieses Privileg nicht auch zugestanden wird. Sie sind bereit, die innovativen digitalen Dienste und Technologien der öffentlichen Cloud zu nutzen. Der Zugang der internen Rechtsabteilungen zur cloudbasierten Digitalisierung und das anhaltende Interesse, die Rechtskosten zu senken, werden die Tätigkeitsbereiche der Anwaltskanzleien weiter untergraben. Die Erosion der Kanzleiarbeit beginnt zwar langsam, wird sich aber beschleunigen, wenn es den Kanzleien nicht erlaubt wird, Cloud-Technologien einzusetzen. Der Kostenvorteil und Innovationsvorsprung interner Rechtsabteilungen wird sich durch die Einführung immer kosteneffizienterer Cloud-Technologien beschleunigen, wie beispielsweise die Nutzung von E-Billing, cloudbasierte Dokumentenautomatisierung und Transaktions-Kollaboration-Plattformen.

Langfristig hat der Kunde (fast) immer Recht, und vor allem in der Schweiz gewinnt stets das effiziente(re) Geschäft. Dies gilt sowohl für Geschäftskunden als auch für verbraucherorientierte Rechtsdienstleistungen. Ich bin zuversichtlich, dass die Hindernisse für die Digitalisierung im Schweizer Rechtsmarkt, namentlich die jahrzehntelange Verzögerung bei der Einführung der kritischen E-Signatur/E-Identität, E-Commerce-Regulierung und deren Infrastruktur, bald überwunden werden. Dies wird den Nutzen, den wir als Kunden von Rechtsdienstleistern erhalten, erheblich erhöhen.

Photo by Loic Djim on Unsplash

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Über die Autorin / den Autor
Gerard Neiditsch Aktuelles Projekt für die Universität St. Gallen: Aufbau eines neuen Kompetenz Zentrums im Bereich Blockchain mit Vertiefung Smart Contracts.