Coaching – die Hilfe zur Selbsthilfe

Ein Problem aus der Ferne betrachten, sich fokussieren und eigene Antworten auf persönliche und berufliche Herausforderungen finden. Das ist Coaching – ein wichtiges Element bei unseren Weiterbildungen. Tanja Widemann, Law and Management, und Markus Seitz, Executive MBA, gehen im Interview aus zwei verschiedenen Blickwinkeln auf die Inhalte des Coachings ein und geben Einblick, wieso Coaching an Bedeutung gewinnt, warum Coaching auf der obersten Führungsebene relevant ist und welchen Stellenwert Coaching bei unseren Weiterbildungen der Executive School einnimmt.

Was ist Coaching?

Tanja Widemann: Coaching ist eine professionelle Begleitung und Unterstützung von einer Person, dem Coachee durch den Coach. Der Coach stellt gezielte Fragen und hilft dem Coachee eigene Antworten auf seine Fragestellungen zu finden, Ziele klarer zu erkennen, Entscheidungen zu fällen oder Probleme eigenständig lösen zu können. Alles dreht sich um die Erkenntnis über sich selbst. Mit Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln werden die Anliegen des Coachee herauskristallisiert. Der Coach gibt keine Empfehlungen oder Hinweise auf eine mögliche Lösung ab.

Markus Seitz: Coaching ist ein wechselseitiger Prozess zwischen Coach und Coachee, der auf Augenhöhe und in gemeinsamer Verantwortung stattfindet. Damit verbunden ist ein positives Menschenbild, das auf Autonomie, Handlungs- und Entscheidungskompetenz in eigener Sache fusst. Eine Person kann autonom handeln und weiss selbst Entscheide in eigener Sache zu treffen. Darin liegt der grösste Unterschied zwischen Coaching und Beratung. Coaching nimmt die Entscheidung nicht ab, wirft aber die richtigen Fragen auf, und hilft so, Entscheidungen zu klären und bewusst zu fällen.

 

Was muss ein Coach besonders gut können?

Tanja Widemann: Ein Coach soll gelassen und genau zuhören, sowie verschiedenste Fragen zum richtigen Zeitpunkt stellen. Dazu gehören auch irritierende und aufwühlende Fragestellungen, welche neue Perspektiven eröffnen und dem Coachee helfen, gewohnte Sichtweisen differenzierter zu betrachten.

Markus Seitz: Die wichtigsten Fähigkeiten eines Coaches sind aktives Zuhören, sich in den Dienst der Bedürfnisse und Ziele des Coachee stellen, eine belastbare Vertrauensbeziehung aufbauen können, professionelles Handwerkszeug an Fragetechniken und Prozessgestaltung beherrschen, der Geschwindigkeit des Coachee folgen und schliesslich auch den Coachingprozess abschliessen und den Coachee loslassen können.

 

Worauf ist beim Coaching besonders zu achten?

Markus Seitz: Coaching ist zeitlich begrenzt, ressourcen- und lösungsorientiert. Die Weichen für einen erfolgreichen Coachingprozess werden in einer sauberen Klärung des Ziels und der Rollenaufteilung zwischen Coach und Coachee gestellt. Der Coachee bringt alles mit, was er/sie für seine nächsten Schritte braucht. Der Coach sollte Entscheide nicht abnehmen und keine Ratschläge erteilen.

Tanja Widemann: Beim Systemischen Coaching werden die Beziehungen zwischen verschiedenen Personen und Systemen betrachtet, damit Handlungsweisen und Zusammenhänge besser verstanden werden. In der Folge können diese hinterfragt, angepasst und verändert werden. Das hilft dem Coachee, festgefahrene Wege zu verlassen und eigene Muster wie auch neue Möglichkeiten zu erkennen.

 

Wie und wann kann ein Coaching einer Führungsperson einen Mehrwert bieten?

Tanja Widemann: Als Beispiel ist hier das Leadership-Coaching zu nennen. Dieses hilft beim Aufbau eines soliden Fundaments an Führungskompetenzen, effektiven Verhaltensweisen und schafft Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es befähigt den Zuwachs an Leadership-Skills, ermöglicht eine bessere Akzeptanz der Führungsperson bei deren Mitarbeitenden und zeigt eine klarere Vision über anstehende Schritte auf.

Markus Seitz: Führung beginnt bei Selbstführung. Hier können Fragen einer Führungsperson zum Thema Vitalität und Selbstmanagement thematisiert werden. Coaching kann helfen, Führungsverantwortung und Führungsrolle im aktuellen Umfeld zu klären, mehr Sichtbarkeit und bessere Wirkung als Führungskraft zu erzeugen und Kommunikations-, Verhandlungs- und Konfliktverhalten zu ergründen und Widerstände zu überwinden. Der Coach kann helfen, der Führungsperson gruppendynamische Prozesse im Team bewusst zu machen und diese zu begleiten. Ausserdem kann er der Führungskraft selbst die Rolle als Coach zugänglich machen (The Leader as a Coach).

 

Ganz konkret, bei welchen Fragestellungen kann ein Coach einer Führungsperson helfen?

Markus Seitz: Im Rahmen eines Coachings können Fragen zur Führungskarriere und zu Entwicklungszielen (Werte, Sinn, Identität, etc.) aufgegriffen werden. Gibt es Auseinandersetzungen mit der inneren Einstellung? Was treibt mich an? Wofür brenne ich? Wie inspiriere ich als Führungspersönlichkeit? Was will ich hinterlassen?

Tanja Widemann: Bei allen Situationen, welche als belastend empfunden werden. Beispiele sind: Umgang mit Konflikten, Fällen wichtiger Entscheidungen bei Karriere- oder Lebensfragen, Führung und Motivation von Mitarbeitenden, Stressmanagement, Steigerung des Selbstvertrauens, Selbstmanagement, das Erhalten von einer soliden Work-Life-Balance etc. Leadership-Coaching hilft beim Umgang mit Konflikten im Team wie z.B. Leistungsabfall, Machtkämpfe oder schlechtes Arbeitsklima. Die Rollenerwartungen und die damit verbundenen Rollenkonflikte werden aufgedeckt und geklärt. Die Führungsarbeit, wie z.B. Feedback geben und empfangen, Gespräche führen und souveränes Auftreten können Themen sein, welche aufgegriffen werden.

 

In welchen Situationen empfiehlt es sich einen Coach beizuziehen? Warum?

Tanja Widemann: Wer vor einem Problem steht, sieht oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Man fühlt sich blockiert und findet keine schnelle Lösung. In so einer Situation hilft der Coach, einen Schritt zurück zu treten und das Problem aus der Ferne und aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Dabei sortiert sich das blockierende Chaos und der Coachee findet Klarheit darüber, wie er es schafft, die Barriere zu überwinden. Die neu gewonnenen Wahrnehmungen helfen, den Fokus vom Problem wegzunehmen und auf Lösungen und die eigenen Ressourcen zu lenken. Zwar gibt der Coach keine Ratschläge, aber er kann der wertvolle Sparringspartner sein, der dem Coachee kompetentes Feedback gibt und dessen Ideen hinterfragt.

Markus Seitz: Der Coach kann als solcher Sparringspartner bei Unsicherheit in allen vorher angesprochenen Bereichen und Fragestellungen unterstützen.

 

Welche Relevanz hat Coaching für die Weiterbildung?

Markus Seitz: Auch in der Weiterbildung lassen sich verstärkt Trends zur Individualisierung und Transferorientierung beobachten. Unsere Teilnehmerschaft zeigt eine starke Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsmotivation. Sie suchen persönlich relevante und individuelle Entwicklungsimpulse und wollen das Gelernte in ihrem aktuellen Berufsumfeld umsetzen. Indem Coaching auf individuelle Herausforderungen fokussiert und ressourcen-, lösungs- und umsetzungsorientierte Hilfe zur Selbsthilfe bietet, trägt es diesen Trends Rechnung und wird entsprechend auch zukünftig an Relevanz gewinnen.

 

Wie wird Coaching innerhalb der Programme der Executive School genutzt?

Tanja Widemann: Neben dem Lehren von neusten Managementtheorien, streben wir im Bereich Law and Management ganzheitliches Lernen auf allen Ebenen an. Dies befähigt die Teilnehmenden, das Gelernte umzusetzen und dies auch im eigenen Kontext anzuwenden. Die Weiterbildungskonzepte enthalten nicht nur Theoriesequenzen (Kopf), sondern auch unzählige Übungseinheiten (Hand) und geben Selbstreflexions-Impulse zur Persönlichkeitsentwicklung (Herz). Wir bieten den Teilnehmenden eine sichere Umgebung, um Neues zu erleben, auszutesten und anzuwenden. Damit wird nachhaltiges Lernen durch Selbsterfahrung geschaffen.

Markus Seitz: Teil des integrierten Konzepts der deutsch- und englischsprachigen Executive MBA-Studiengänge in General Management ist die Förderung von überfachlichen Persönlichkeits-, Führungs- und Karriere-Entwicklungskompetenzen. In unterschiedlichen Formaten können die Teilnehmenden vielfältige Entwicklungsangebote während der 1 1/2-jährigen persönlichen EMBA- / IEMBA-Journey nutzen. Zu diesem integrierten Personal Development gehören auch individuelle Coaching-Angebote.

 

«Oben ist die Luft dünn» wird auch häufig in den obersten Führungsetagen gesagt. Was für eine Rolle kann Coaching hierbei spielen?

Tanja Widemann: Durch ein Coaching erlangt die Führungskraft eine grössere Auswahl an Verhaltensmöglichkeiten, welche dazu befähigt, bewusst zu führen und Eigenverantwortung für die Handlungen zu übernehmen. Dank Überprüfung der eigenen Führungsfähigkeiten werden Kernaufgaben wie Organisieren, Planen, Entscheiden, Kooperieren und Delegieren optimiert. Dabei wird die eigene Persönlichkeit gestärkt, um auch schwierige Herausforderungen anzunehmen, diese auszuhalten und eigene Strategien zu erkennen und diese zu meistern.

Markus Seitz: Macht macht mitunter einsam. Offene, vertrauensvolle Begleiter auf Augenhöhe, die durch Fragen Reflexionsprozesse anstossen, neue Perspektiven eröffnen und Lösungen und Entscheidungen verantwortungsvoll zu entwickeln helfen, sind rar und können durch Coaches wahrgenommen werden.

 

Wie hat sich das Coaching-Angebot über die letzten Jahre verändert? Welchen Einfluss hatte das Corona-Virus?

Tanja Widemann: Angebot und Nachfrage haben sich in den letzten Jahren sichtlich verstärkt. Durch das Corona-Virus wurde vermehrt die Möglichkeit von Online-Coachings genutzt. Vorab wurde die Online-Variante als schwierig eingestuft, aus Bedenken, dabei weniger Nähe aufbauen zu können und das Gegenüber weniger zu spüren. Zudem fehlte es an Ideen zur Umsetzung von der Arbeit im Raum. Rasch haben viele auch Vorteile von Online-Coaching erkannt. Neben der nötigen räumlichen Distanz und dem Wegfallen von Reisewegen kann es dem Coachee in seinem geschützten Raum/seiner gewohnten Umgebung leichter fallen Emotionen zuzulassen. Die Corona-Zeit hat bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie mehr über sich und die eigene Situation nachgedacht haben und nach Inspirationen suchten, die eigenen Grenzen zu überschreiten und die persönlichen, zukunftsrelevanten Kompetenzen zu steigern.

Markus Seitz: Ich gebe Tanja Recht: Corona hat zu einer stärkeren Akzeptanz von Online-Coachings geführt. Zudem hat der Umgang mit Unsicherheit und teilweise tiefgreifende Veränderungen im beruflichen und privaten Alltag existentielle Fragen aufgeworfen. Was zählt wirklich? Was erfüllt mich? Was möchte ich bewirken und wo will ich mich einbringen und einen Mehrwert schaffen? Was möchte ich noch erreichen und was will ich hinterlassen? Fragen zur inneren Einstellung, Identität, Werten, Sinn, Zielen und Motivation wurden in Coachings häufiger gestellt. Aber auch der Bedarf an Karrierecoachings oder Neupositionierungen nach Jobverlust, Kündigungen oder in Restrukturierungen haben zugenommen.

 

Wie sieht die Zukunft aus? Wird Coaching immer relevanter?

Tanja Widemann: Mit Sicherheit. Coaching bietet die Möglichkeit, hinter das eigene Spiegelbild zu blicken, sich in vertrauter Zusammenarbeit auszutauschen, Neues über sich selbst zu lernen und sich stetig weiter zu entwickeln. In einer sich ständig schneller drehenden Welt ist es äusserst wichtig, den Fokus immer wieder auf sich selbst zu richten und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

Markus Seitz: Ja, Coaching wird zukünftig noch relevanter. Es bietet die Möglichkeit für individuelle Lernerfahrungen und persönliche Entwicklungsimpulse zu selbstgewählten Themen, wenn sie aktuell und relevant sind, massgeschneidert, eins zu eins, im gewünschten Umfang und ortsunabhängig.

 

Vielen Dank für die spannenden Antworten!

 

 

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Über die Autorin / den Autor
Noah Bürgin studiert im Masterstudiengang Business Innovation (MBI) an der Universität St.Gallen. Zudem arbeitet er als studentischer Mitarbeiter an der Executive School of Management Technology and Law der Universität St.Gallen.