13. Mai 2020

Der Rechtsmarkt Post-Corona

Erste Lockerungen des Lockdowns haben begonnen.  Wie wird das Leben nach Corona aussehen? Wir haben Prof. Dr. Bruno Mascello nach einer Einschätzung zum Post-Corona Rechtsmarkt gebeten.

Martina Müri: Herr Mascello, wir sehen gerade Licht am Ende des Corona-Tunnels und freuen uns alle auf die anstehenden Lockerungen. Was bedeutet das für den Rechtsmarkt, wird alles wieder so sein wie vor Corona?

Bruno Mascello: Das glaube ich nicht, aus verschiedenen Gründen. Corona wurde ja bisher nur als medizinische bzw. Gesundheitskrise behandelt und alle anderen Interessen diesem einen Ziel untergeordnet. Für den Rechtsmarkt sind aber vor allem die ökonomischen Implikationen relevant.

MM: Können Sie das etwas genauer ausführen?

BM: Die Rechtsberatung, sowohl als Anwaltskanzlei aber auch als Rechtsabteilung, hängt ganz wesentlich vom wirtschaftlichen Gesundheitszustand der Kunden und Unternehmen ab. Geht es ihnen schlecht, spürt das auch der Rechtsmarkt. Wenn in einer Krise die Umsätze und Profite praktisch über Nacht wegfallen, muss ein Unternehmen umgehend reagieren. Es muss die Liquidität sichern und die Ausgaben unter Kontrolle bringen.

MM: Und was bedeutet das für die Rechtsberatung?

BM: Unternehmen werden sich kurzfristig auf ihre Kosten bzw. die sogenannte «Bottom Line» konzentrieren, weil sie nur diese Seite direkt und schnell beeinflussen können. Sie verordnen umgehend Kostensparmassnahmen, und davon bleiben natürlich auch die Rechtsabteilungen nicht verschont. Diese müssen die juristischen Arbeiten, die nun allenfalls sogar noch zunehmen können, weiterhin vollständig erbringen. Aber sie müssen das jetzt mit reduzierten Kosten tun. Hier sehe ich zwei Möglichkeiten: Personal entlassen oder weniger Arbeiten an externe Kanzleien auslagern. Es wäre ein schlechtes Signal, wenn ein General Counsel interne Mitarbeitende abbaut, um teurere externe Kanzleien mit Arbeiten zu versorgen.

MM: Rechtsabteilungen werden also einen grösseren Arbeitsanfall mit geringerem Budget absorbieren müssen und externe Kanzleien werden mit einem entsprechend reduzierten Arbeitsanfall rechnen müssen. Hat es sowas schon mal gegeben?

BM: Ja, wir konnten nach der Finanzkrise 2008 beobachten, dass die Rechtsabteilungen ein sogenanntes Insourcing betrieben, das heisst Arbeiten vermehrt selber erledigten und Rechtsabteilungen gewachsen sind. Ferner hat die Beschaffungsabteilung an Stellenwert gewonnen. Ich rechne auch damit, dass die Preisverhandlungen mit externen Beratern zunehmen werden.

MM: Aber das Pendel wird dann in ein paar Jahren wieder in die Ausgangslage zurückschlagen, oder?

BM: Nein, das glaube ich nicht. Ein General Counsel bzw. der CFO werden bemerkt haben, dass die Rechtsabteilung die anfallenden Arbeiten mit dem bestehenden Team absorbieren kann und dies erst noch mit weniger Budget für externe Kanzleien geschafft hat. Da ist also richtiges Expectation Management nötig!

MM: Und was wird diese Krise mit der Beziehung zwischen den Anwälten und den Kunden machen?

BM: In ausserordentlichen Zeiten wie diesen muss man sich bewähren. Kunden reagieren jetzt noch sensibler auf gutes und schlechtes Verhalten bzw. Service, weil die Not viel näher und greifbarer ist. Entsprechend werden jetzt die Reputation und das Vertrauensverhältnis geschmiedet. Man kann heute als Rechtsberater neue Kunden gewinnen oder bestehende verlieren, und zwar beides sehr schnell und für immer. Da zahlt das Serviceerlebnis bzw. die sogenannten Customer Experience (CX) direkt ein. Damit sind wir dann gleich auch bei der geforderten Kundenorientierung (vgl. aktuelle Anwaltsrevue 3/2020, S. 131–133) und den dazu erforderlichen Soft Skills für Rechtsberater (vgl. Interview in der aktuellen Bilanz, Mai 2020, S. 118–120). Dass man als Rechtsberater die notwendigen Rechtskenntnisse hat, wird vom Kunden selbstverständlich vorausgesetzt. Im Markt wird man sich darüber nicht mehr differenzieren können, da braucht es andere USP.

MM: Und was wird das mit der Struktur des Rechtsmarkts machen?

BM: Es wird zu Bereinigungen und Strukturveränderungen kommen. Nicht alle Anwaltskanzleien haben – bedingt durch ihr Geschäftsmodell – genügend Reserven angehäuft und auch keine lang gefüllte Pipeline an Mandaten. Überdies erleben wir gerade eine unglaubliche Beschleunigung in der digitalen Transformation, deren Ergebnis bleiben wird. Das wird vor allem neuen Anbietern (z.B. Legal Tech) helfen, ein Stück vom Markt zu gewinnen. Neue Arbeitsformen (Home-Office) bzw. New Work werden nicht nur vermehrt akzeptiert, sondern gefordert werden, was den Arbeits- und Rekrutierungsmarkt beeinflussen wird. Und dann werden Kunden neue Ansprüche anmelden. Schliesslich werden sicher auch mehr Videokonferenzen stattfinden, d.h. Conference Calls mit Dutzenden von Teilnehmenden werden der Vergangenheit angehören.

MM: Was wollen Sie abschliessend den Rechtsberatern noch mitgeben?

BM: In der Krise geschieht die Selektion viel schneller und härter als vorher. Krisen werden wegen der damit zusammenhängenden Unsicherheiten natürlich oft reflexartig als Gefahren wahrgenommen. Ich sehe in Krisen Chancen! Mit der richtigen Einstellung können jetzt Veränderungen besser oder endlich umgesetzt und Innovationen gewagt und implementiert werden. Jetzt ist also der perfekte Zeitpunkt, dem Markt zu zeigen, dass man besser als die Wettbewerber ist. Nutzen Sie die Gelegenheit, bei den Kunden einen bleibenden – hoffentlich positiven – Eindruck zu hinterlassen. Und machen Sie sich ernsthafte Gedanken über die eigene Strategie und das Geschäftsmodell. Ich wünsche allen viel Glück und Durchhaltewillen, es wird sich lohnen!

Über die Autorin / den Autor
Martina Müri Martina ist verantwortlich für alle Public Relations Aktivitäten der Executive School. Vor ihrem Eintritt in die ES-HSG, arbeitete sie als PR-Beraterin und Kommunikationsspezialistin. Sie ist Absolventin der Universität St.Gallen und hält einen Master-Abschluss in International Affairs and Governance (M.A. HSG)