29. April 2020

Die Bedeutung des Vertrauens in Zeiten der Krise

Worauf sollten gute Führungskräfte in der der jetzigen Krisensituation besonders achten?

Inspiriert durch Prof. Dr. A. Weibel stelle ich hier meine Sichtweise und Erfahrung dar.

Die Bedeutung des Vertrauens ist schon in „normalen“ Zeiten enorm und sie wächst natürlich in Zeiten der Krise besonders. Dieser wohl langfristigste Erfolgsfaktor wird zwar häufig beschworen und eingefordert nicht wirklich realisierend, dass es sich dabei um ein Geschenk handelt, welches freiwillig entgegengebracht wird. Es kann weder gefordert, befohlen noch gekauft werden kann.

Aber was ist denn überhaupt Vertrauen?

Auf der Suche nach einer für die Führung einigermassen sinnvollen und griffigen Definition bin ich auf die unterschiedlichsten Bilder gestossen.

Das Bild, welches mir am besten gefallen hat, beschreibt Vertrauen als die Luft zum Atmen. Solange sie ausreichend und in guter Qualität vorhanden ist, wird sie weder wahrgenommen noch besonders geschätzt. Erst wenn Qualität und vor allem Quantität abnimmt wird es intensiv spürbar. Aber wie bei fast Allem, was wir nicht unmittelbar sehen, riechen, schmecken oder einwandfrei messen können, merken wir es erst, wenn es fast zu spät ist.

Wer vertraut, befindet sich in einem Zustand der Verletzlichkeit. Damit ist immer das Risiko der Enttäuschung oder der Ausnutzung verbunden. Das Ganze basiert auf einer ungefähren Zuschreibung, also einer unsicheren Einschätzung des Anderen, seines Handelns und der Umstände.

Die Prognose, ich kann der, dem oder denen vertrauen, hängt im Wesentlichen von drei Zuschreibungen ab:

  • Kompetenz
  • Integrität
  • Menschliche Wärme

Bei der Kompetenz geht es nicht um Allwissenheit oder gar Unfehlbarkeit, sondern um eine durchaus vertiefte Kenntnis der Materie. Sich den Anstrich des Allwissens zu geben ist 100 % kontraproduktiv und reizt nur zum Nachweis von Fehlern und das geht rasend schnell.

Bei der Integrität spielen klare Regeln, welche für alle – auch die Führungskraft – gelten, Offenheit und Transparenz der notwendigen Informationen (auch und gerade Hintergründe) sowie die Fähigkeit aus der Situation zu lernen, die zentrale Rolle.

Die menschliche Wärme wird wohl am schnellsten durch das Wohlwollen deutlich. Wertschätzung unabhängig von Leistung, Beitrag, Einstellung oder Haltung drückt das permanente Bemühen um das Wohl des Menschen aus. Es ist eine Herzensangelegenheit.

Um wirklich vertrauen zu können braucht es Mut, denn die „Kehle hinzuhalten“ ist immer auch ein Stück Überwindung.

 

Was heisst das für das tägliche Führen seiner Mitarbeitenden?

Ein paar wenige Hinweise, um die zarte Pflanze des Vertrauens bei den Mitarbeitenden gerade jetzt in der Krise zu pflegen und zu entwickeln, sollen diesen Beitrag abrunden:

  1. Schaffen Sie Offenheit und Transparenz
  • Wissen ist Macht! Machen Sie Ihre Mitarbeitenden mächtig, in dem Sie die grösst mögliche Offenheit und Transparenz herstellen. Wenn Sie sich trauen, werden Ihnen andere vertrauen.
  1. Sprechen Sie über Ihre Werte und die Werte der Organisation
  • Machen Sie aus Ihrer Freude und Ihrem Ärger kein Geheimnis, sondern äusseren Sie diese Dinge mit Respekt. Vereinbaren sie Regeln und Prinzipien und gehen Sie mit guten Beispiel voran.
  1. Geben Sie die Chance zur Selbstorganisation, so werden sie wirklich agil
  • Die Fähigkeiten der Mitarbeitenden kommen immer dann zum Tragen, wenn diese mitarbeiten und mitdenken dürfen. „Freiheit im und zum Handeln“ erzeugt Kreativität und neue Lösungen.
  1. Interessieren Sie sich wirklich für Ihre Mitarbeitenden
  • Versuchen Sie Ihre Mitarbeitenden wirklich zu verstehen. Wechseln Sie die Perspektive, sie werden Neues entdecken. Mit echter und ehrlich gemeinter Wertschätzung stärken Sie die zarte Pflanze des Vertrauens in Sie.
  1. Vermeiden Sie Floskeln und Modewörter
  • Beweisen Sie Ihre Kompetenz, indem Sie auf die Unsitte verzichten und sagen Sie, was Sie meinen. Unter dem gleichen Begriff verstehen noch längst nicht alle dasselbe, auch wenn alle immer so tun, als wenn sie den Durchblick hätten.
  1. Schaffen Sie gute und ehrliche Stories
  • Verbreiten Sie gute positive Geschichten und sorgen Sie so dafür, dass Erinnerungen an anständiges Verhalten in Erinnerung entstehen und bleiben können. Arbeiten Sie beständig an Ihrer Glaubwürdigkeit und Ihrer Authentizität, es sind die „wertvollsten Pfunde“; mit denen Sie wuchern können.
Über die Autorin / den Autor
Lorenz Meister Die über 35-jährige Erfahrung von Lorenz Meister im Bereich der Lehre, der Entwicklung und der Begleitung von Führungskräften auf fast allen Hierarchiestufen prädestiniert ihn als Trainer und Coach von sowohl jungen als auch von erfahrenen Führungskräften. Lorenz Meister ist Unternehmer und Teilhaber der HSP Consulting AG. Die erlebte Realität des Führungsalltages im Aufbau und Entwicklung von Unternehmen und deren Führungsstrukturen ermöglichen ihm in Trainings- und Coachingprozessen praxisorientierter Klartext zu sprechen. Der Führungsalltag ist weit mehr durch vermeintlich weiche Faktoren und eine permanente Veränderung sowie Unsicherheit bestimmt als gemeinhin vermutet wird. Aus diesem Grund braucht die Führungskraft klare Orientierung an einfachen aber wirksamen Prinzipien, welche Peter Drucker, der Erfinder des Management brillant formulierte. Lorenz Meister ist seit 2011 als Referent und Berater für die Universität St.Gallen im Bereich der Executive School, KMU-Institut und der Verwaltung tätig.