2. Juli 2019

Die Rolle von Technologie im Geschäftsmodell von Kanzleien

Zurzeit werden Kanzleien mit Angeboten „innovativer“ Software überhäuft. Da werden Tools angepriesen, welche die Dokumenterstellung, die Dokumentrecherche, die Arbeitsabläufe oder die Zusammenarbeit mit Mandanten revolutionieren sollen. Viele Kanzleien investieren denn auch bereits in solche Software. Aber ist das nachhaltig? Kann so erfolgreich Innovation betrieben werden?

In meinen letzten Beiträgen habe ich über Strategie und Prozessmodelle gesprochen. Wie passt das nun zusammen mit dem Thema Technologie? Gibt es eine sinnvolle Reihenfolge, in der Entscheidungen zur Strategie, zum Prozessmodell und zur Technologie getroffen werden sollen? Oder kann ich ganz einfach hingehen, eine interessante Software einführen, und dann ist das die Innovation, mit der die Kanzlei in Zukunft erfolgreich sein wird?

Lassen Sie mich mit dem Ergebnis beginnen und das Pferd von hinten aufzäumen: Wer erfolgreich ein belastbares Geschäftsmodell schaffen will, muss zuerst eine saubere Strategie haben, dann ein auf die Strategie abgestimmtes Prozessmodell bauen und erst zuletzt über Technologie nachdenken, welche die Prozesse unterstützt. Bildlich dargestellt, sieht ein Geschäftsmodell für eine Kanzlei so aus:

Geschäftsmodell Anwaltskanzlei
Geschäftsmodell Anwaltskanzlei

In erster Linie muss ich mich also in den vier wesentlichen strategischen Handlungsfeldern festlegen und entscheiden, welche Dienstleistungen ich anbieten will, für welche Mandaten ich tätig sein möchte, welches mein Marktterritorium sein soll und wie ich meine Dienstleistungen in den Markt bringen möchte.

In einem zweiten Schritt geht es dann darum, meinen Leistungserstellungsprozess und die Unterstützungsprozesse so zu gestalten, dass die Strategie möglichst optimal abgebildet wird.

Und erst jetzt sehe ich mich nach den technischen Werkzeugen um, die mir helfen sollen, die Arbeitsprozesse in der Kanzlei möglichst effizient, effektiv und kostengünstig aufzusetzen und zu betreiben.

In der Praxis sieht man leider oft, dass Kanzleien angesichts der laufenden Diskussion um LegalTech, um Künstliche Intelligenz, um Big Data Analysis oder um Machine Learning richtiggehend unter Investitionsdruck geraten. Man will ja schliesslich modern und fortschrittlich sein! Kanzleipartner schaffen die erstbeste Software an, solange diese nur mit den zurzeit so attraktiv klingenden Reizwörtern angepriesen wird. Im besten Fall verstauben die Investitionen nutzlos, weil niemand in der Kanzlei sie einsetzt. Im schlechtesten Fall aber führt eine solche Beschaffungspolitik zu Brüchen mit der Strategie, zu zusätzlicher Komplexität in den Arbeitsprozessen und zu unvernünftigen Schnittstellen zwischen analoger und digitaler Arbeitsweise. Kanzleiangehörige sind dann frustriert und Mandanten verärgert.

Hier mein ganz persönlicher und praktischer Rat: Überstürzen Sie nichts! Arbeiten Sie an einer überzeugenden Strategie für die Zukunft Ihrer Kanzlei, und kreieren Sie ein kluges Prozessmodell! Beauftragen Sie ein kleines Team in der Kanzlei, technologische Entwicklungen am Markt zu beobachten und Software zu evaluieren, mit denen die Arbeitsabläufe in der Kanzlei, Ihre Mandantenkontakte und Vertriebsaktivitäten wirkungsvoll unterstützt werden können. Investieren Sie in verdaubaren Schritten, indem Sie interessante Technologien in Bereichen ausprobieren, die kleine und schnelle Erfolge ermöglichen. Auf diese Weise lernen Sie und können sich an „LegalTech“ herantasten.

Und zum Schluss noch dies: Ich habe in meinem Beitrag vor überstürzten Investitionen gewarnt. Gleichzeitig aber warne ich davor, technologischen Entwicklungen einfach tatenlos zuzusehen. Denken Sie daran: Märkte können sich unheimlich schnell verändern. Davor ist auch der Rechtsmarkt nicht gefeit!

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