12. April 2018

Haben Sie schon mal „Markt“ gemalt?

Vierte und letzter Teil der Geschichte um Econvillage100.
Märkte sind allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht etwas kaufen (und damit jemand verkauft). Wir erfüllen jeden Tag ein Arbeitsverhältnis und verdienen Geld. Ziemlich unspektakulär ereignen sich so täglich Abermillionen von Geschäften. Haben Sie sich schon mal überlegt, wie Sie «Markt» MALEN würden und zwar mit einem Bild, das über schüttelnde Hände, Marktstände, einen Börsenplatz oder einen Verlauf eines Aktienkurses hinausgeht?

Econvillage100 hat sich zu einer Marktwirtschaft entwickelt. Bleiben wir kurz bei dem Bild eines stark schwankenden Aktienkurses, was immer herhalten muss, wenn bei der Tagessschau im Fernsehen über (turbulente) Marktentwicklungen berichtet wird. Ein Aktienkurs bildet einen PREIS für eine Aktie über die Zeit ab. Zwei wichtige Eigenschaften weisen diese Preise auf, die allgemein in Märkten gelten: Sie schwanken über kurz oder lang und sie sind beobachtbar. Wie stark der Preis eines Gutes schwankt und in welchem Zeitraum diese Schwankungen stattfinden, ist abhängig von der Art des Produkts, ob es an der Börse gehandelt wird oder nicht, etc. Ein Ölpreis weist oft über einen längeren Zeitraum einen einigermassen konstanten Wert auf. Dann steigt oder sinkt er – mal schnell, mal langsamer -, um sich dann wieder auf einen konstanten Weltmarkpreis einzupendeln. Ganz langfristig ist er von 5$/Barrel (1970) bis über 100$/Barrel (2011 & 2012) gestiegen. Seit 2015 liegt er um die 50$/Barrel.

Natürlich sind nicht alle Preise transparent oder beobachtbar, wenn man z.B. an Arbeitsverträge denkt. Und trotzdem wissen wir, was durchschnittlich ein Programmierer verdient oder wie hoch ein Bestechungsgeld in bestimmten Ländern sein muss, um z.B. vom Arzt sofort behandelt zu werden. Das Bewerten in, das Beobachten von, das Wissen um die Preise und das Ausrichten seines wirtschaftlichen Verhaltens an die Preise ist entscheidend für das Funktionieren von Märkten. Jedes (freiwillige) ökonomische Geschäft wird über Preise geregelt und diese Tatsache wird sicher in unserer Illustration zu finden sein.

Selbstverständlich funktionieren Märkte am besten, wenn es viele Produzenten und viele Konsumenten gibt, d.h. niemand Marktmacht ausüben und jeder frei entscheiden kann, ob er am Markt Geschäfte tätigt oder nicht. Entsteht nun vor Ihren Augen ein Bild zu Märkten? Wir machen Ihnen folgenden Vorschlag in Abbildung 1:

Abbildung 1: Illustration von Markt

In der Abbildung sieht man viele Menschen, die an einem Markt teilnehmen. Die mit dem dickeren Bauch stellen Produzenten/Anbieter dar, die mit den Kappen Arbeiter/Nachfrager/Konsumenten. Sie machen untereinander Geschäfte ab – sei es der Kauf eines Schokoriegels, die Miete einer Wohnung oder der Handel an den Börsen. Jedes abgeschlossene Geschäft, dargestellt mit einer Verbindung und einem Handschlag, trägt ein sichtbares Preisschild für alle. Diese Geschäfte ergeben ein dichtes Netz zwischen den vielen Marktteilnehmern. Dabei kann jeder im Rahmen seine Möglichkeiten frei und selbst entscheiden, welche Geschäfte er tätigt und welche nicht. Die beobachtbaren Preise geben eine Orientierungs- und Entscheidungshilfe. Es werden die Geschäfte abgeschlossen, die die grösste Freude bereiten bzw. aus Unternehmersicht, den grössten Gewinn versprechen. Das wird mit den «Ich»- und «Maximierungs»-Denkblasen illustriert.

Und wer oder was organisiert das Ganze? Sehen Sie „etwas“ in der Mitte? Nein. Die Organisation über Markt funktioniert eben so gut, weil sehr viele Menschen daran teilnehmen können, ohne dass eine zentrale Organisation vonnöten wäre. Märkte setzen Anreize, ständig (neu) über die Preise der Geschäfte zu verhandeln. In den meisten Fällen ist das kein aktives Handeln wie auf einem orientalischen Basar (oder haben Sie schon mal versucht, den Preis eines Schokoriegels mit der Kassierin zu verhandeln?), sondern auch schon die Entscheidung etwas NICHT zu kaufen, lenkt die Wirtschaft. Natürlich nur dann, wenn daraus viele Nicht-Käufer werden: Die Produzenten müssen dann irgendwann ihre Preise oder Mengen anpassen oder anerkennen, dass ihr Produkt nicht mehr auf dem Markt benötigt wird. Im Preis steckt also irgendwie das Verhalten aller Nachfrager und Anbieter. Somit gibt es eine Verbindung der individuellen (Nicht-)Kaufentscheidung, die sich an einem Preis orientiert, zu allen anderen Marktteilnehmern.

Das fasste der erste berühmte Ökonom Adam Smith Ende des 18. Jhd. unter dem Wirken der unsichtbaren Hand zusammen. Wenn sie nicht unsichtbar wäre, hätte sie in unserer Illustration von Markt in der Mitte die Fäden des Netzes in der Hand. Und jetzt wird auch irgendwie klar, dass Märkte unheimlich sein können, wenn sie mal wieder «spinnen»: Es ist dann per se kein Schuldiger auszumachen. Da ist «nur» ein Netz mit vielen Preisschildern.

Hier finden Sie Teil I, Teil II und Teil III dieser Serie.

Über die Autorin / den Autor
Prof. Dr. Johannes Binswanger Johannes Binswanger hat den Lehrstuhl für Business Economics and Public Policy inne – mit einem Schwerpunkt in der Executive-Weiterbildung. Der Lehrstuhl wird dankenswerterweise grosszügig von Dr. Josef Ackermann gefördert, dem ein grosses Anliegen ist, Teilnehmende in der Führungskräfte-Weiterbildung mit wichtigen Themen der Volkswirtschaftslehre vertraut zu machen. Sie sollen lernen, in grossen Zusammenhängen zu denken und ein tiefgehendes intuitives Verständnis für volkswirtschaftliche Prozesse und die darin involvierten Institutionen (wie z.B. Zentralbanken) zu entwickeln. Dies unterstützt die Führungskräfte, in der Praxis bessere Entscheidungen zu treffen.