Mögliche Folgen einer bargeldlosen Schweiz

Gewisse Stimmen fordern aus unterschiedlichen Gründen in regelmässigen Abständen die Abschaffung des Bargelds in der Schweiz. Welche Konsequenzen würden aus dieser radikalen Forderung erwachsen?
Vorweg: Die Schweizer lieben das Bargeld. In 2017 wurden 70% der Transaktionen in bar abgewickelt, welche wertmässig 45% ausmachten. Ob die Abschaffung des Bargelds vor diesem Hintergrund überhaupt realistisch ist, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Bargeld erfüllt drei Funktionen: Es ist allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel in einem geographisch begrenzten Währungsraum, eine systemische Recheneinheit und ein Wertaufbewahrungsmittel. In einer Welt ohne Bargeld müsste jeder Person uneingeschränkt Zugang zu einem elektronischen Bankkonto gewährt werden, auf welches sie mittels alternativer Zahlungsmittel wie Bezahlkarte und/oder Mobiletelefon jederzeit zugreifen kann, um Zahlungen überhaupt auszuführen. Jede Verkaufsstelle wäre verpflichtet, elektronische Zahlungsmittel zu akzeptieren, unabhängig des zugrundeliegenden Systems. Da die Ausgaben und die Zahlungsbereitschaft mit Kredit- und Debitkarten, aber auch mit Prepaidkarten und vor allem mit dem Mobiltelefon deutlich höher sind verglichen mit Bargeld, besteht für die Konsumenten in einer bargeldlosen Welt eine hohe Wahrscheinlichkeit der Ver- und Überschuldung, insbesondere für Personen mit tieferem Einkommen – dies, weil die hohe Transparenz von Bargeld die Budget- und Ausgabenkontrolle stark erleichtert. Auch das individuelle Spar- und Konsumverhalten per se kann wesentlich zur Privatverschuldung beitragen, welches ohne Bargeld als Wertaufbewahrungsmittel schwerer erlernbar ist. Dies steht auch in Zusammenhang mit der Altersversorge, insbesondere mit der freiwilligen dritten Säule als individuelle Sparvorrichtung.

Durch den höheren individuellen Konsum würden nicht nur die Händler profitieren, sondern auch die Zahlungsdienstleister, welche Gebühren auf den elektronischen Zahlungen erheben. Zusätzlich profitieren letztere auch von wegfallenden Aufwendungen, welche Bargeld bspw. durch Handlingskosten am Schalter, am Geldautomaten und durch den Transport verursacht. Der Handel wiederum würde jedoch unter der vorherrschenden Gebührenstruktur finanziell schlechter dastehen.

Der ganze Zahlungsverkehr wäre aufgrund der ausschliesslich elektronischen Abwicklung äusserst abhängig und daher überaus verwundbar. Systemausfälle, seien sie zufällig oder absichtlich herbeigeführt, wären volkswirtschaftlich verheerend. Der Konsument könnte ohne Bargeld bis ins Detail seiner Gewohnheiten durchleuchtet werden, was eine Unmenge an geschäftlichen und kriminellen Möglichkeiten mit sich bringt. Die totale Überwachung einer Person wäre die Realität.

Daneben verlieren die Nationalbank und der Staat in einer bargeldlosen Welt eine grosse Einnahmequelle in Form von Seignorage. Diese entsteht aufgrund der Tatsache, dass die Nationalbank die Notenbankgeldmenge nicht verzinsen muss und das Geld ertragsbringend anlegen kann. Die fehlende Einnahmequelle könnte somit zu tieferen Ausschüttungen für Bund und Kantone führen, was sich wiederum negativ auf deren Budget auswirkt. Bargeld stinkt eben doch nicht!

 

 

Photo: Istockphotos

 

Don't miss our updates

Don't miss our updates - sign up to our weekly newsletter.

Please wait...

Thank you for signing up to our updates!

Über die Autorin / den Autor
Dr. Tobias Trütsch Tobias Trütsch leitet den Bereich Economics an der Executive School der Universität St.Gallen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Zahlungs- und Geldökonomie, insbesondere mit Fokus auf innovative Zahlungsmittel und individuelles Zahlungsverhalten.