Packen Sie Ihre Chance!

Fallzahlen, R-Wert, Anzahl freie Spitalbetten – seit über einem Jahr hören wir davon fast täglich. Seltener erfahren wir von den Zahlen und Entwicklungen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Welche Branchen sind gefährdet, was schliessen wir daraus und wo zeigen sich neue Opportunitäten?

Im Dezember 2020 war die Anzahl registrierter nicht Erwerbstätiger um rund 40% höher als im Vorjahr. Besonders stark betroffen vom Anstieg der Arbeitslosigkeit war der Dienstleistungssektor (+43.9%) und innerhalb dieses Sektors das Gastgewerbe (+83.6%). Weniger hart traf es die Finanz- und Versicherungsindustrie. Wie das SECO verlauten liess, sei die wirtschaftliche Aktivität während der Pandemie stark eingebrochen. Kurzfristig kann dies auf den Rückgang der Exporte und die komplette Schliessung einiger Geschäftszweige während des Lockdowns als Hauptreiber zurückgeführt werden. Mittelfristig spielt die Arbeitslosigkeit jedoch eine grössere Rolle.

Starke Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt sind insbesondere im Tourismus sowie in der Kunst und Kultur zu erkennen. Diese sind teilweise von kurzfristiger Natur, da sie auf die Corona-Einschränkungen zurückzuführen sind. Auch auf die lange Sicht müssen wir aber mit starken Umwälzungen bei Arbeitsbereichen rechnen, in welchen körperliche Nähe eine Rolle spielt, zum Beispiel bei Hotels und im Gastgewerbe, bei der Arbeit im Grossraumbüro oder in der Produktion. McKinsey sieht folgende Trends für die Zukunft der Arbeit nach COVID 19: Mehr Arbeit von zu Hause oder in hybrider Form, eine weitere Zunahme des Online-Handels, sowie stärkere Automatisation. Das vermehrte Homeoffice führt zu einem Wandel in der Gastronomie und im Transportwesen, insbesondere in Stadtzentren. Sehr viele Personen werden sich demnach umschulen müssen. Davon werden insbesondere Arbeiternehmer*innen ohne Hochschulabschluss, Frauen, Minoritäten, und junge Personen betroffen sein.

Das «Ökosystem Arbeit» wird sich neu organisieren müssen. Denn auf der anderen Seite gibt es Branchen, in welchen Fachkräftemangel herrscht. Zum Beispiel bei Versicherungen im Aussendienst. Zusammen mit dem digitalen Personalvermittler Lionstep und der Helvetia sowie weiteren Kooperationspartnern hat die Universität St. Gallen (HSG) ein Projekt zur Umschulung von Quereinsteiger*innen angestossen. Im Juni werden rund 200 Teilnehmer*innen zwei Wochen lang einen Online-Lehrgang absolvieren. Er richtet sich an Arbeitskräfte aus serviceorientierten Berufen, die als Angestellte in den Aussendienst, in die Kundenberatung oder in den Verkauf wechseln möchten. So erhofft sich Helvetia, einen Grossteil der rund dreissig offenen Stellen im eigenen Vertrieb besetzen zu können. Auch die Amag-Gruppe, brack.ch, Coople und localsearch.ch will Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern neue berufliche Perspektiven eröffnen, beispielsweise als Verkaufsberater.

Aber nicht nur von Arbeitnehmer*innen ist Flexibilität gefragt. Auch Unternehmen müssen bei der Rekrutierung öfter auf Fähigkeiten und Talente anstelle von Berufserfahrung und klassische Abschlüsse achten. Wir sind überzeugt, auch in einer herausfordernden Zeit ergeben sich Chancen, die es einfach zu packen gilt.

 

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Autorinnen: Patricia Widmer, Leiterin der Diversitäts- und Management-Programme an der Executive School der Universität St.Gallen und Beatrix Eugster, Assistenzprofessorin für Disability Economics & Integration