Stundenhonorare und alternative Vergütungsformen von Anwälten – Kein entweder oder!

60 Rechtexperten kamen am 30. Oktober 2019 in Zürich an der ausverkauften Tagung «Zukunft Rechtsmarkt» zum diesjährigen Thema «Stundenhonorare als Auslaufmodell?» zusammen. Eine fruchtbare Verbindung zwischen den konventionellen Stundenhonoraren und alternativen Vergütungsformen von Anwälten brauche es, waren sich die Experten an der Tagung der Executive School der Universität St.Gallen einig.

«Wo stehen wir heute in der Diskussion um Anwaltshonorare?» Mit dieser Frage eröffnete ich die Tagung zum Thema «Zukunft Rechtsmarkt». Kunden sind unzufrieden mit der Vergütung ihrer Rechtsdienstleister, und dies stellt für Kanzleien und Rechtsabteilungen eine grosse Herausforderung dar. Alternative Vergütungsmodelle, Alternative Fee Arrangements (AFA) auf Neudeutsch, ist das Zauberwort, mit dem sich die Rechtsbranche immer häufiger auseinandersetzen muss. Je zwei Vertreter/innen von Rechtsabteilungen, Kanzleien und von Revisionsgesellschaften teilten ihre Praxiserfahrungen dazu mit den Tagungsteilnehmenden.

 

Faire Vergütungsmodelle

In der anschliessenden, anregenden Paneldiskussion mit dem Moderator Markus Hartung und sämtlichen Tagungsrednern/innen sind die verschiedenen Positionen vertieft und provokative Thesen aufgestellt worden. Es stellte sich heraus, dass sich Kunden bei der Leistungsvergütung von ihren Anbietern vermehrt kreativere Ansätze als die konventionellen Stundenhonorarmodelle wünschen und auch fordern. Kunden wechseln heute schneller ihren Anbieter, wenn ihre Bedürfnisse nicht vernünftig adressiert werden. Kanzleien und die vertretenen Rechtsarme der Big Four probieren solche Angebote bereits aus, sofern es sich finanziell darstellen lässt. Die Zuhörer erfuhren auch, dass sich nicht alle neuen Honorarmodelle am Ende gerechnet haben, sondern eher als Investition in die Kundenzufriedenheit zu werten sind und daher keinen Misserfolg dargestellt haben. Ein spannender Versuch war der Ansatz, dass einem Kunden die Möglichkeit geboten wurde, am Ende selber über das seinem Anwalt zu bezahlende Honorar zu entscheiden, basierend darauf, was ihm die erbrachte Leistung Wert war. Es fiel auf, dass die Diskussion zwischen den verschiedenen Vertretern zum Thema Honorarmodelle viel weniger Konfrontation zeigte. Vielmehr zeigte sich ein ernsthafter Wille, die eigene Vergütungsordnung anzupassen, wenn es auf alle Seiten fair erfolge.

 

Kreativität ist gefragt

Mut und Kreativität bei Preismodellen sollen die Rechtsdienstleister haben, ermutigte Prof. Dr. Leo Staub von der Universität St.Gallen die Teilnehmenden zum Abschluss. Vorab-Investition wagen, keine Scheu vor wertsteigerndem geschäftlichem Rat haben und ein sauberes und regelmässiges Reporting über Fall- und Aufwand-Entwicklung machen, so seine Empfehlungen weiter. Zudem sollen Rechtsabteilungen eine faire Schätzung der Leistung von Kanzleien vornehmen, den Kanzleien helfen, den Wert einer anwaltlichen Intervention für den Kunden zu verstehen und den Leistungsumfang sauber definieren, und ein „Design-to-Cost“ (vs. „Cost-to-Design“) als Preisfindungsmethode in Betracht ziehen.

Alle Anbieter dürften in Zukunft aber folgendes gleichermassen angehen: Technologie als Chance willkommen heissen, sich gegenseitig eine Lernkurve mit alternativen Preismodellen zugestehen und in Sachen Vergütung eine offene Zusammenarbeit anstreben. Schliesslich ist auch wichtig, miteinander in ein konstruktives Gespräch zu kommen, am besten über regelmässige Debriefings am Ende von Mandaten.

Es wird spannend bleiben, wie sich der Preisfindungsprozess zwischen den Marktbeteiligungen weiter entwickeln wird. Die Tagung hat gezeigt, dass gute Absichten bestehen, Mut zum Risiko da ist und konstruktive Diskussionen angestrebt und bereits geführt werden. Fragen nach dem geeigneten Honorarmodell hat nichts an Aktualität und Brisanz verloren und wird in regelmässigen Abständen sicher auch in Zukunft auf der Agenda von Kanzleien und Kunden auftauchen.

 

Wir danken an dieser Stelle allen Referentinnen und Referenten ganz herzlich: Dr. Hildegard Bison, BP Europe SE; Veronica Lierau, Gurit Holding AG; Wojciech Wolk, Allen & Overy LLP; Dr. Clemens Jaufer, ScherbaumSeebacher; Jürg Birri, Deloitte Legal; Jan Schulz, EY Law; Markus Hartung, Chevalier und Bucerius Center on the Legal Profession.

Ferner danken wir auch allen Sponsoren (in alphabetischer Folge): Axiom Global, Inventus Solutions, Phoenix Business Solutions, STP Informationstechnologie, Wolters Kluwer Deutschland.

 

Die Tagung findet auch im 2020 wieder statt. Wir würden uns freuen, mit Ihnen über weitere aktuelle Themen zu diskutieren. Merken Sie sich das Datum bereits jetzt vor: 7. Mai 2019.

Über die Autorin / den Autor
Prof. Dr. Bruno Mascello Vizedirektor der Executive School of Management, Technology and Law der Universität von St.Gallen, Direktor des Executive Weiterbildungsprogramms für Juristen “Management for the Legal Profession (MLP-HSG)”, Rechtsanwalt, Dozent und Autor zu verschiedenen Fragen an der Schnittstelle von Recht und Management.