10. Januar 2019

Vielfalt siegt – Bessere Entscheide dank Business Transformation

Interview mit Prof. Dr. Karolin Frankenberger und Patricia Widmer

Was ist Business Transformation? Und wieso gewinnt sie an Bedeutung?

Karolin: Business Transformation bedeutet eine fundamentale Neuausrichtung des Unternehmens. Sie verändert die Art und Weise, wie Unternehmen und sogar ganze Industrien Wert schaffen und Wert abschöpfen. Historisch etablierte Unternehmenspraktiken haben in Zeiten der Digitalisierung ein rasches Ablaufdatum. Neue Mitbewerber aus der Start-up Szene oder aus der Tech-Branche sprengen typische Industriegrenzen und intensivieren den Wettbewerb um immer weiter schrumpfende Margen. Kundenprofile und -bedürfnisse ändern sich rasant. All diese Veränderungen tragen dazu bei, dass Business Transformation heute vor keinem Unternehmen mehr Halt macht. Alle müssen sich mit der Frage beschäftigen, wie sie nachhaltigen Unternehmenserfolg durch Business Transformation sicherstellen können.

Wieso ist Diversität in Unternehmen wichtig?

Patricia: Gemischte Teams treffen durchdachtere Entscheide und sind in der Lage, bessere Ergebnisse für das Unternehmen zu erzielen – dies belegen unzählige Studien. Wichtige Treiber für mehr Innovation und Zusammenarbeit sind Vielfalt und eine offene Unternehmenskultur. Auch angesichts der demografischen Entwicklung wird Vielfalt zum entscheidenden Faktor. Unternehmen, welche Diversität fördern, erhöhen ihre Wettbewerbsfähigkeit, bleiben auch künftig attraktive Arbeitgeber, begegnen dem Fachkräftemangel und erhöhen die Chance auf eine geregelte Nachfolge ihrer Schlüsselpositionen.

Wie sind die Themen Diversität und Business Transformation miteinander verknüpft?

Karolin: Das Thema Diversität wurde bei der Unternehmensführung historisch vernachlässigt. Heute können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, Diversität nicht aktiv zu fördern – denn ihr Erfolg hängt davon ab. Dies wiederum ist der ausschlaggebende Grund für eine Business Transformation. Insofern sind die beiden Themen eng miteinander verknüpft. Wissenschaftlich belegt ist, dass die Gegenwart von Minderheiten (z.B. Frauen) in Geschäftsleitungen positiv mit Performance korreliert. Im Zuge von Business Transformation werden daher bewusst «nicht-traditionelle» Profile gesucht, die mehr gedankliche und Skills-basierte Vielfalt ins Unternehmen bringen.

Der Frauenanteil in Schweizer Unternehmen im oberen und obersten Kader liegt gerade einmal bei 6 Prozent. Sehen Sie Chancen, dass sich dies in nächster Zeit ändern könnte?

Patricia: In den unteren Führungsstufen ist der Anteil an Frauen auf 30% gestiegen – ein positives Signal. Im mittleren Management liegt der Wert noch bei 22%. Die Pipeline füllt sich zunehmend mit weiblichen Führungskräften. Mit Blick auf die Altersstruktur von bestehenden Führungsgremien ist dies eine Chance für Frauen nachzurücken. Denn in den nächsten Jahren treten rund 40% der männlichen Führungskräfte in den Ruhestand. Es gilt also, angehende weibliche Führungskräfte jetzt zu fördern. Wichtig ist, dass sich die Unternehmenskultur in den Firmen weiterentwickelt und die Prozesse in Bezug auf Leistungsmessung und Beförderung analysiert sowie angepasst werden. Nur so können diese Ziele erreicht werden.

Was sind Erfolgsgeschichten aus der Praxis?

Karolin: Eine Vorzeigegeschichte einer Transformation hin zu mehr Diversität ist Sodexo Nordamerika. Bereits im Jahr 2001 priorisierte das Unternehmen das Thema Diversität auf seiner Agenda. Die ausgearbeitete Diversitätsstrategie war Teil einer grösseren Transformation des Unternehmens. Viele HR Prozesse wurden angepasst, um Diversitätsanliegen zu fördern. Der Funke sprang auf den Sodexo Mutterkonzern über. Das Unternehmen entwarf einen klaren Katalog von Diversitätsprioritäten entlang von fünf Dimensionen: Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung, Behinderungen und Alter. Was als Business Transformation begann, wurde zu einer Diversity Transformation – und zwar zu solchem Ausmass, dass Sodexo heute noch als Vorzeigeunternehmen für Diversität steht.

Was raten Sie Unternehmen, in diesem Prozess und welche Unterstützung bieten Sie konkret an?

Patricia: Der Weg hin zu Diversität oder einem höheren Frauenanteil ist ein steter Prozess. Einerseits kann bei Grossunternehmen der gesamte HR-Prozess analysiert werden (z.B. wie werden Stellenausschreibungen gestaltet, wie ist der Anteil Frauen/Männer in den verschiedenen Hierarchiestufen etc.). Diese Analyse bietet die Universität St.Gallen an. Mit unserem «Women Back to Business»-Programm schaffen wir zudem eine Brücke zwischen den Frauen und den Unternehmen. Wir geben Frauen in diesem Weiterbildungslehrgang das Management-Rüstzeug mit auf den Weg.

Karolin: Eine Transformation muss zum einen von der Spitze des Unternehmens angetrieben werden. Dies ist als Signalwirkung im Zuge einer Business Transformation und im Hinblick auf Diversitätsförderung unerlässlich. Gleichzeitig muss aber auch das mittlere Management durch konkrete Handlungen und Aktivitäten die Veränderung vorantreiben. So sind zum Beispiel kleine Projektteams, die an innovativen Geschäftsmodellen arbeiten, sehr wirkungsvoll, um Transformation zu realisieren. In unserem Executive MBA Programm an der Universität St. Gallen (EMBA HSG) lernen die Teilnehmer, warum eine Transformation so wichtig ist, wie man sie angeht und wie man sie erfolgreich durchführt. Darüber hinaus lernen sie kritisches Denken, Kreativität und integriertes Denken, da dies die Basis für Diversität im Unternehmen und für eine erfolgreiche Transformation in einer VUCA Welt ist.

 

Kurzporträt Karolin Frankenberger

Prof. Dr. Karolin Frankenberger

Prof. Dr. Karolin Frankenberger ist ordentliche Professorin und Direktorin am Institut für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. Zudem ist sie akademische Direktorin des Executive MBAs an der Executive School der Universität St. Gallen. Vor ihrer akademischen Karriere arbeitete Frankenberger mehrere Jahre als Beraterin bei McKinsey & Company. Sie promovierte 2004 am Institut für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschäftsmodellinnovation, Business Transformation, Ecosysteme und Sustainability. Ihr Buch, «Geschäftsmodelle entwickeln“, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk in der Literatur zum Thema Geschäftsmodellinnovationen.

www.es.unisg.ch/de/emba

 

Kurzporträt Patricia Widmer

Patricia Widmer

Patricia Widmer hat an der Universität Zürich Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Banking und Finance studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre in einer Schweizer Grossbank im Private Banking. Während einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt mit ihrer Familie in den USA und in Deutschland arbeitete sie in verantwortungsvollen Positionen bei verschiedenen wohltätigen Organisationen. Seit Oktober 2014 ist sie für die Universität St. Gallen tätig, wo sie den Englischen Studiengang des Zertifikatskurses „Women Back to Business“ aufbaute und seit 2016 Programmleiterin beider Programme (Deutsch und Englisch) ist. Sie doktoriert zurzeit zum Thema Diversity Management, Unconscious Bias und Stereotypen.
www.es.unisg.ch/de/programme/women-back-business

 

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Über die Autorin / den Autor
Martina Müri Martina ist verantwortlich für alle Public Relations Aktivitäten der Executive School. Vor ihrem Eintritt in die ES-HSG, arbeitete sie als PR-Beraterin und Kommunikationsspezialistin. Sie ist Absolventin der Universität St.Gallen und hält einen Master-Abschluss in International Affairs and Governance (M.A. HSG)