21. November 2018

Was haben wir aus einer aktuellen Experten-Podiumsdiskussion der Credit Suisse gelernt?

Gerard Neiditsch, LegalTech Strategy Consultant an der Executive School der Universität St.Gallen mit über 30 Jahren Erfahrung als CIO und in der Unternehmensberatung grosser, globaler Anwaltskanzleien, spricht über die Nutzung und Implementierung von Technologie in Anwaltskanzleien und unternehmensinternen Rechtsabteilungen. Das Interview führte Sabrina Weiss.

Gerard, du hast vor Kurzem beim jährlichen Credit Suisse Law Firm Client Day in der Nähe von Zürich über LegalTech gesprochen. Meines Wissens lag der Schwerpunkt auf Cybersicherheit und branchenspezifischer Technologie für Klienten von Anwaltskanzleien. Wo stehen wir deiner Meinung nach im Bereich LegalTech in Anwaltskanzleien und unternehmensinternen Rechtsabteilungen? 

Die überwiegende Mehrheit der Kanzleien hat inzwischen begonnen, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Bisher nutzen sie LegalTech allerdings hauptsächlich für administrative Aufgaben und Finanzverwaltung sowie – in einigen Fällen – als „digitalen Aufsatz“ für die traditionelle Art der Leistungserbringung. Ein paar multinationale unternehmensinterne Rechtsabteilungen sind weiter fortgeschritten. Sie nutzen LegalTech nach und nach, um ihre Arbeitsweise umzugestalten und den Kosten- und Wertanforderungen in ihren Unternehmen gerecht zu werden.

Allerdings leidet die gesamte Branche am Mangel von Plattformanbietern und ist daher gezwungen, einen «Best-of-Breed»-Ansatz zu verfolgen – also für jeden Anwendungsbereich die bestmögliche Lösung zu finden und zu integrieren. Oft werden so Software und Onlinedienste von über 50 Anbietern zusammengesetzt. Das steht in deutlichem Widerspruch zum Entstehen leistungsfähiger digitaler Plattformen in den meisten anderen Branchen.

 

Welche Art von LegalTech nutzen Anwaltskanzleien und unternehmensinterne Rechtsabteilungen aktuell?

Neben branchenspezifischer Finanz-, Personal-, Marketing- und Kollaborationssoftware setzen manche Kanzleien und unternehmensinterne Rechtsabteilungen Lösungen für Dokumentenautomatisierung und zum Vertragsmanagement ein. Beide kommen sowohl mit als auch ohne maschinelles Lernen zum Einsatz. Unternehmensinterne Rechtsabteilungen haben damit begonnen, LegalTech für das M&A- und Vertragslebenszyklusmanagement einzusetzen. Die meisten grösseren Kanzleien und unternehmensinternen Rechtsabteilungen verwenden zudem ausgereifte Lösungen für E-Discovery und Due Diligence, im relativ seltenen Fall von grossen Rechtsstreitigkeiten und Fusionen.

 

Was kommt als nächstes?

Im vergangenen Jahr boten einige LegalTech-Dienstleister erstmals Unterstützung für bestehende oder neue Produkte mit künstlicher Intelligenz (KI) an. So erwarb beispielsweise einer der beiden führenden Anbieter von Lösungen für Dokumentenmanagement einen KI-Software-Anbieter und erweitert gerade sein bestehendes Produkt. Ein anderer Workflow-Anbieter baut mit der Akquisition zweier Start-ups ebenfalls seine Dienstleistungsangebot aus. Dies sind erste Anzeichen für die Entwicklung rechtsspezifischer Plattformen, durch die Kanzleien und unternehmensinterne Rechtsabteilungen ihren «Best-of-Breed»-Ansatz ablegen können und nicht mehr mühevoll das Beste aus allem zusammensuchen müssen.

KI und insbesondere maschinelles Lernen sind bereits präsent und kommen in über einem Drittel der neueren LegalTech-Produkte und -Dienstleistungen zum Einsatz. Die ersten Anwendungsbereiche waren E-Discovery, Vertragsprüfung und Due Diligence. Wir erwarten, dass sich die Technologie in wenigen Jahren durchsetzt.

 

Davon ausgehend, was du am Credit Suisse Law Firm Client Day gehört hast, was denkst du über digitale Plattformen für rechtliche Unternehmensdienstleistungen?

Der Kampf darum, wer die Zukunft der professionellen Rechtsdienstleistungen kontrolliert, scheint noch nicht so recht begonnen zu haben. Das mag seltsam klingen, wenn man bedenkt, dass die meisten anderen Branchen in ihrer digitalen Transformation weit fortgeschritten sind. Nehmen wir zum Beispiel die Automobilindustrie– oder genauer gesagt – das «Fahr»-Geschäft, wo die Digitalisierung weiter schnell voranschreitet. Unter diesem Link findet sich eine grosse Ankündigung. #Waymo ist #Googles Unternehmen zur Entwicklung einer Plattform für autonomes Fahren und der derzeitige Marktführer.

 

Was hat das mit rechtlichen Unternehmensdienstleistungen zu tun?

Im Laufe der Zeit wird immer deutlicher, wofür #Digitalisierung wirklich steht. Es geht darum, eine Plattformschicht einzubauen, zwischen denjenigen, die bereit sind, Geld für eine Dienstleistung auszugeben, und denjenigen, die diese Dienstleistung oder Waren anbieten. Das Unternehmen bzw. die Unternehmen, die diese Plattform betreiben, gewinnen. Kurzfristig gewinnen auch die Käufer dieser Dienstleistungen, denn sie profitieren von einem besseren Nutzererlebnis und einem viel besseren Preis-Leistungs-Verhältnis. Mittel- bis langfristig triumphiert aber vor allem die Plattform durch Oligopol- oder Monolpolmacht und Gebühren. Denken Sie an Werbung – es führt kein Weg mehr an #Google und #Facebook vorbei – sie haben sich in etwas mehr als einem Jahrzehnt über 57% des Marktes aus dem Nichts unter den Nagel gerissen (aktuelle US-Zahlen).

Der Ansatz dieser Plattformen wird von «Gütern» wie Autos, Flugzeugen, Büchern, Kinos oder Bibliotheken unterstützt, die sich immer schneller in «Dienstleistungen» wie Fahrten, Reisen, Lektüren, Streams oder Online-Vorstellungen wandeln.

Im Bereich kommerzieller Rechtsdienstleistungen untersucht unser Institut die Frage, wer die Plattformakteure auf diesem Gebiet sein werden und wie sie unsere stark regulierten und weitgehend analogen Märkte verändern können. Haben Sie irgendwelche Vermutungen?

In künftigen Beiträgen gehen wir näher auf dieses Thema ein und betrachten die Rolle, die LegalTech bei der Etablierung von Plattformakteuren spielen wird.

Gerard Neiditsch
Gerard Neiditsch

 

Photo by Joey Kyber on Unsplash

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