25. September 2020

Wie ticken Anwälte – und hilft das in der Führung von Teams?

In den bisherigen Beiträgen in meinem Blog habe ich über Trends im Markt, über Strategie, Geschäftsmodell-Design und Kundenfokus in Kanzleien gesprochen. Die nächsten paar Beiträge möchte ich dem Thema Leadership widmen.

Schauen wir zuerst einmal in den Spiegel! Was macht uns Anwälte als Persönlichkeiten aus? Es gibt hierzu eine interessante Studie von Larry Richard. Er hat wichtige Persönlichkeitsmerkmale einer grossen Anzahl von Berufsleuten untersucht und kategorisiert. Anschliessend hat er die Ergebnisse aus verschiedenen Berufsgruppen miteinander verglichen. Dieser Vergleich hat für Anwälte Erstaunliches ergeben.

Wie liest sich diese Darstellung? Die hell-grünen Balken repräsentieren die durchschnittlich starke Ausprägung der Persönlichkeitsmerkmale aller untersuchten Probanden. Die dunkel-grünen Balken stehen für die Anwälte. Sie sehen schon: Wir streben viel stärker nach Autonomie als andere. Dies zahlt natürlich ein auf unser stark verbreitetes Selbstbild, wonach wir – auch wenn in Kanzleiteams eingebunden – letztlich als Einzelkämpfer unterwegs sind. Weiter fällt auf, dass wir bedeutend skeptischer sind als andere Professionals. Dies ist zweifellos eine gesunde Ausprägung dieses Persönlichkeitsmerkmals von Anwälten. Auch beim Thema Dringlichkeit – Wolfgang Weiss hat diesen Begriff einmal übersetzt als „Ich will alles, und ich will es sofort!“ – unterscheiden wir uns deutlich von allen anderen. Soweit, so gut. Autonomie, Skepsis und Dringlichkeit sind wichtige Eigenschaften, die uns helfen, unsere Arbeit im Dienste unserer Mandanten gut und engagiert zu erledigen.

Etwas schwieriger zu verdauen sind wohl die Ergebnisse zu den beiden letzten Kriterien in Richard’s Studie. Offenbar sind wir im Vergleich zu anderen recht unvertraute Gesellen. Und – dies ist die im vorliegenden Zusammenhang relevante Interpretation von „Resilienz“ – wir sind schlechter als andere fähig zu Selbstkritik. Hier haben wir es zweifellos mit Schwächen unserer Berufsgattung zu tun. Diese Schwächen haben natürlich das Potenzial, sich sowohl im Kontakt mit unseren Mandanten als auch in unseren Teams negativ auszuwirken. Da stehen wir uns dann und wann offenbar selber im Weg! Es versteht sich von selbst, dass diese Beurteilung zwar für eine statistische relevante Gruppe der Anwaltspopulation zutrifft, nicht aber zwingend auch für die geneigten Leser dieses Blogs.

Immerhin: Es gibt eine gewisse Evidenz, dass wir aufgrund der Persönlichkeitsmerkmale, die typisch sind für Anwälte, schwierig zu führen sind und umgekehrt auch als Führungspersönlichkeiten nicht gerade mit den à-priori vorteilhaftesten Eigenschaften ausgestattet sind. Lassen wir das doch vorerst einmal so stehen! In meinen nächsten Beiträgen versuche ich zu zeigen, wie wir auch bei etwas Gegenwind zu produktiven Teams und zu „Good Leadership“ in Kanzleien finden können.

Über die Autorin / den Autor
Prof. em. Dr. Leo Staub Akademischer Direktor der Executive School of Management, Technology & Law der Universität St. Gallen bis Mai 2020 und emeritierter Professor für Privat- und Wirtschaftsrecht an der Universität St.Gallen.